Gedicht · 597 BC · Mytilene

Fragmente des zweiten Buches

Μελῶν β΄ ἀποσπάσματα

Vorbemerkung

Das zweite Buch der alexandrinischen Sappho-Ausgabe versammelte Gedichte in einem einzigen Versmaß: dem Vierzehnsilbler, den die Antike den „sapphischen Pentameter“ nannte — einem Glykoneus mit doppelter daktylischer Erweiterung. Die antiken Gewährsleute der Gruppierung sind greifbar: Hephaistion nennt das Metrum des zweiten Buches, und Athenaios zitiert die Becher-Zeile des großen Hochzeitsgedichts ausdrücklich „aus dem zweiten Buch der Sappho“. Was von diesem Buch übrig ist, steht hier: ein Papyrusfund und eine Handvoll Zitate. Eine Lücke in der Zählung ist gewollt: LP 48, von Kaiser Julian zitiert, fehlt, weil kein gemeinfreier Text zur Hand ist — Auslassung, kein Versehen.

Das Herzstück ist die Hochzeit Hektors und Andromaches (44), erhalten auf dem Oxyrhynchos-Papyrus 1232, den Grenfell und Hunt 1914 herausgaben — damals das längste zusammenhängende Stück Sappho, das man besaß; die Rolle trägt am Ende die Unterschrift „Lieder der Sappho“, die Zuschreibung selbst. Das Gedicht ist Epos im Festgewand: Der Herold Idaios, Homers eigenes Personal, bringt die Nachricht; der Katalog der Brautgaben — goldene Spangen, Purpur, silberne Becher, Elfenbein — antwortet auf die Beutekataloge der Ilias; die ganze Stadt strömt aus, Maultierwagen für die Frauen, Streitwagen für die Jünglinge; Kassia und Weihrauch steigen in die Flamme, die älteren Frauen erheben den Jubelruf, die Männer singen den Paian an Apollon. Zweimal greift Sappho dabei nach Homers schwersten Worten: κλέος ἄφθιτον, der „unvergängliche Ruhm“, den Achill mit seinem Leben bezahlt, gilt hier der Ankunft einer Braut, und das letzte Wort des Liedes nennt Braut und Bräutigam „die Göttergleichen“ — während jeder Hörer wusste, wie die Ilias endet. Demselben Papyrus gehört Fr. 43: sieben Zeilenenden vom Schluss eines Liedes für ein Nachtfest — Müdigkeit senkt sich, „doch auf, ihr Freundinnen, denn nahe ist der Tag“. Die editorischen Klammern und Lücken des Drucks von 1914 sind in der Übersetzung beibehalten; was der Papyrus nicht hergibt, erfindet auch das Deutsche nicht.

Der Rest kam, wie beim ersten Buch, durch den Schredder des Zitats: Apollonius Dyscolus brauchte das äolische ὔμμες und gibt drei Worte (45); Herodian belegte das seltene Wort für „Polster“ (46) und den Satz vom Himmel, den zwei Unterarme nicht erreichen (52); Maximus von Tyrus zitiert Eros als Bergwind in den Eichen (47); Galen verschreibt das Distichon über Schönheit und Güte als Arznei gegen die Eitelkeit (50); und der Stoiker Chrysippos legte „zwei sind mir die Gedanken“ (51) als Musterbeispiel einer Verneinung in den Aktenschrank der Logik. Unter Nummer 49 stehen zwei einzeln zitierte Zeilen über Atthis vereint — „ich liebte dich vor langer Zeit“ und „ein kleines Kind schienst du mir“ —, zwei Zeitpunkte, deren Naht sichtbar bleibt. Der griechische Text folgt für 43–44 Grenfell und Hunt (1914), für 45–52 Edwin Marion Cox (1924); Cox’ Druckfehler „κατ ὄπος“ in Fr. 47 (offenkundig κατ᾽ ὄρος, „den Berg herab“) ist nach dem Sinn übersetzt und in den Übersetzernotizen verzeichnet.

] denn
] schön
] sanft wühlt auf
] Müdigkeit die Sinne
] senkt sich nieder[
doch auf, ihr Freundinnen,
], denn nahe ist der Tag.
]λε γάρ
] κάλος
ἀ]κάλα κλόνει
] κάματος φρένας
]ε κατισδάνει[
ἀλλ᾽ ἄγιτ᾽, ὦ φίλαι,
], ἄγχι γὰρ ἀμέρα.
Kypro. [...................... ]
Ein Herold kam [......... ] [... ]
Idaios, dies [. ]. [. ] [.. ] der schnelle Bote
und des übrigen Asiens [.. ] unvergänglicher Ruhm:
Hektor und die Gefährten führen die Helläugige
aus der heiligen Thebe und von der immerfließenden Plakia
die zarte Andromache auf Schiffen über das salzige
Meer; und viele goldene [Spangen] und Gewänder,
purpurne [und] schöne, dazu [geblümte Wirkereien], bunten Zierat,
und silberne [Becher] ohne Zahl und Elfenbein.
So sprach er; behend aber sprang der liebe Vater auf,
und die Kunde ging durch die weiträumige Stadt zu den Lieben.
Sogleich führten die Söhne des Ilos unter schönrädrige Wagen
die Maultiere, und hinauf stieg die ganze Menge
der Frauen und zugleich der schmalknöcheligen Mädchen;
gesondert aber wieder die Töchter des Priamos [zogen heran.
Pferde aber schirrten die Männer unter die Streitwagen[
[all]e Jünglinge; gewaltig [
[.... ] die Wagenlenker [
[... ] führten hinaus[ /...
]den Göttern gleich[
] heilig, alle[samt
] nach Ilion[
] und es mischte sich[
] und so die Jung[frauen
].. [ /...
[..... ].. [... ].. [
[...... ] nahm Kassia und Weihrauch auf.
Die Frauen aber erhoben den Jubelruf, alle, die älter waren,
alle Männer aber ließen den lieblichen, hellen Ruf erschallen[
Paon anrufend, den Ferntreffenden, den Meister der Leier,
und besangen Hektor und Andromache, die Göttergleichen.
Κυπρο. [...................... ]αι·
κάρυξ ἦλθε θε[......... ]ελε[... ]. θεις
Ἴδαος τάδεκα[. ]. [. ]φ[.. ]. ις τάχυς ἄγγελος
τάς τ᾽ ἄλλας Ἀσίας τ[. ]δε. αν κλέος ἄφθιτον·
Ἕκτωρ καὶ συνέταιρ[ο]ι ἄγοισ᾽ ἐλικώπιδα
Θήβας ἐξ ἰέρας Πλακίας τ᾽ ἀπ᾽ ἀ[ϊ]ν(ν)άω
ἄβραν Ἀνδρομάχαν ἐνὶ ναῦσιν ἐπ᾽ ἄλμυρον
πόντον· πόλλα δ᾽ [ἐλί]γματα χρύσια κἄμματα
πορφύρ[α κ]άλα τ᾽ αὖ τ[ρό]να, ποίκιλ᾽ ἀθύρματα,
ἀργύρ[α τ᾽] ἀνάρ[ιθ]μα [ποτή]ρ[ια] κἀλέφαις.
ὣς εἶπ᾽· ὀτραλέως δ᾽ ἀνόρουσε πάτ[ηρ] φίλος,
φάμα δ᾽ ἦλθε κατὰ πτόλιν εὐρύχ[ορο]ν φίλοις.
αὔτικ᾽ Ἰλιάδαι σατίναι[ς] ὑπ᾽ ἐϋτρόχοις
ἆγ[ο]ν αἰμιόνοις, ἐπ[έ]βαινε δὲ παῖς ὄχλος
γυναίκων τ᾽ ἄμα παρθενίκα[ν] τε τ[αν]υσφύρων·
χῶρις δ᾽ αὖ Περάμοιο θύγ[α]τρες [ἐπήισαν.
ἴππ[οις] δ᾽ ἄνδρες ὕπαγον ὑπ᾽ ἄρ[ματα
π[άντ]ες ἠΐ[θ]εοι· μεγάλω[ς] τι δ[
δ[.... ]. ἀνίοχοι φ[
π[... ἔ]ξαγο[ν /...
ἴ]κελοι θέοι[ς
] ἄγνον ἀόλ[λεες
]νον ἐς Ἴλιο[ν
]τ᾽ ὀνεμίγνυ[το
]ως δ᾽ ἄρα πάρ[θενοι
]νεδεσ.. [ /...
[..... ]φ[. ]α. [. ]ο[... ]ωσδε[.. ].. εακ[. ]. [
[...... ]ι κασία λίβανός τ᾽ ὀνεδέχνυτο.
γύναικε[ς] δ᾽ ἐλέλυσδ[ο]ν ὄσαι προγενέστερα[ι,
πάντες δ᾽ ἄνδρ[ε]ς ἐπήρατον ἴαχον ὄρθιον[
Πάον᾽ ὀνκαλέοντες ἐκάβολον εὐλύραν,
ὔμνην δ᾽ Ἔκτορα κἀνδρομάχαν θεοικέλο[ις.
Solange ihr wollt.
Ἀς θελετ᾽ ὔμμες.
Ich aber werde die Glieder aufs weiche Polster betten.
Ἔγω δ᾽ ἐπὶ μαλθάκαν τύλαν σπολέω μέλεα.
Eros hat von neuem mir die Sinne erschüttert:
ein Wind, der den Berg herab in die Eichen fährt.
Ἔρος δαὖτ᾽ ἐτίναξεν ἔμοι φρένας,
ἄνεμος κατ ὄπος δρύσιν ἐμπέσων.
Ich liebte dich, Atthis, einst vor langer Zeit.
Ein kleines Kind schienst du mir zu sein, und ohne Anmut.
Ἠράμαν μὲν ἔγω σέθεν, Ἄτθι, πάλαι πότα.
Σμίκρα μοὶ παῖς ἔμμεν ἐφαίνεο κἄχαρις.
Denn der Schöne ist, soweit der Blick reicht, [gut];
der Gute aber wird sogleich auch schön sein.
Ὀ μὲν γὰρ κάλος, ὄσσον ἴδην, πέλεται [ἄγαθος]
ὀ δὲ κἄγαθος αὔτικα καὶ κάλος ἔσσεται.
Ich weiß nicht, was ich tun soll: zwei sind mir die Gedanken.
Οὐκ οἶδ᾽ ὄττι θέω, δύο μοι τὰ νοήματα.
Ich erwarte nicht, den Himmel mit meinen zwei Unterarmen zu berühren.
Ψαύην δ᾽ οὐ δοκίμοιμ᾽ ὀράνω δύσι πάχεσιν.

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