Gedicht · 595 BC · Mytilene

Fragmente des fünften Buches

Μελῶν ε΄ ἀποσπάσματα

Vorbemerkung

Das fünfte Buch der alexandrinischen Sappho-Ausgabe ist im Wesentlichen in einem einzigen zerstörten Gegenstand auf uns gekommen: ein paar Blätter eines Pergamentbuches, geschrieben in Ägypten im siebten Jahrhundert nach Christus — zwölfhundert Jahre nach der Entstehung der Gedichte —, ausgegraben um die Wende zum zwanzigsten Jahrhundert und in Berlin zwischen 1902 und 1907 Blatt für Blatt mit chemischen Reagenzien lesbar gemacht. Das Buch war zerrissen; oben und unten fehlt jede Seite; eine Seite ist bis zur Unlesbarkeit verwischt. Und doch stehen auf seinen beiden besterhaltenen Seiten zwei der größten Dinge, die Sappho je geschrieben hat. Das eine ist das Abschiedsgedicht: „Tot sein will ich, ohne Falsch“, so beginnt es — aber die Verzweiflung ist zitiert, nicht gestanden, denn es ist die andere Frau, die gegen ihren Willen geht, die sie weint, und Sappho, die antwortet wie eine ruhige Hand auf der Schulter: Geh und sei froh und gedenke — und dann, in dem langen ausrollenden Satz, den die Risse unterbrechen, übernimmt sie das Erinnern selbst: die Veilchenkränze, die geflochtenen Kränze am zarten Hals, das königliche Salböl, das zarte Lager, das gestillte Verlangen. Der Trauer wird mit einem Inventar der Lust geantwortet. Das andere ist das Gedicht an Atthis über die Frau, die nach Lydien gegangen ist: Einst hielt sie Atthis wie eine Göttin, weithin bekannt; nun leuchtet sie unter den Frauen von Sardes hervor, wie der rosenfingrige Mond nach Sonnenuntergang die Sterne überstrahlt — und das Licht fließt über das salzige Meer und die blühenden Fluren, der Tau fällt, Rosen, Kerbel und Steinklee blühen, eine ganze hereinbrechende Nacht, aus einer einzigen abwesenden Frau gegossen —, während sie selbst in der Ferne ruhelos umhergeht, das zarte Herz von Gram verzehrt, und laut ruft, wir sollten kommen; und die Nacht, die vielohrige, trägt ihren Ruf über das Wasser. Um diese beiden stehen die Wracks: eine Liste von Gewändern und Kränzen in Safran und Purpur; fünf Zeilenschlüsse, von denen zwei noch zu entziffern sind; der Fetzen, der Gongyla nennt und bei der Seligen schwört, dass keine Freude mehr bleibt, nur ein Verlangen zu sterben; und eine einzelne Zeile bei Pollux über das Einhüllen in weiches, flaumiges Tuch. Jedes Fragment steht unter seiner Lobel-Page-/Voigt-Nummer mit Angabe der bewahrenden Quelle, sodass jeder Fetzen zitierbar bleibt, und die Lücken bleiben mit Absicht sichtbar: die verwischte sechste Seite des Pergaments (Fr. 97), das Kleis-Fragment und sein Nachbar (Frr. 98 und 99), zu spät veröffentlicht, als dass ein gemeinfreier Text existieren könnte, und das verderbte Handtücher-Zitat (Fr. 101), das Athenaios ausdrücklich „dem fünften Buch der Lieder“ zuweist — zurückgestellt, nicht gefälscht. Was lesbar ist, steht hier, und was nicht lesbar ist, bleibt ehrlich zerrissen.

ein Gewand [...
und.. [.. ].. [...
safranfarbene und [...
ein purpurnes Gewand.. [...
Mäntel, pers[isch(?)...
Kränze.. [... /... /...
Pur. [... /...
ΠΕΠΛΟΝ [...
ΚΑΙΚΛ. [.. ]ΣΑ. [...
ΚΡΟΚΟΕΝΤΑΣΚΑΙ[...
ΠΕΠΛΟΝΠΟΡΦΥΡΑΝ.. Α[...
ΧΛΑΙΝΑΙΠΕΡΣ[...
ΣΤΕΦΑΝΟΙΠΕΡ[... /... (per OCR nicht wiederherstellbar) /... (per OCR nicht wiederherstellbar)
ΠΟΡ. [... /... (per OCR nicht wiederherstellbar)
... /... /...
]... ich habe
] Mädchen
... (per OCR nicht wiederherstellbar) /... (per OCR nicht wiederherstellbar) /... (per OCR nicht wiederherstellbar)
]Α. ΙΑΝΕΧΩ
]ΠΑΡΘΕΝΟΝ
Tot sein will ich, ohne Falsch.
Sie verließ mich, schluchzend
wieder und wieder, und sagte dies [zu mir:]
„Weh, was für Schreckliches haben wir erlitten,
Sappho — wahrhaftig, ich verlasse dich gegen meinen Willen.“
Und ich antwortete ihr dies:
„Geh und sei froh, und meiner
gedenke, denn du weißt, wie wir dich hegten.
Wenn aber nicht, dann will ich
dich erinnern — [du aber] vergisst(?) —
wie vieles [.... ] und Schönes wir erlebten:
denn [mit vielen Krän]zen aus Veilchen
und aus Ro[sen und... ]n zugleich
und [.... ] schmücktest du dich an meiner Seite,
und [viele] geflochtene Kränze,
[um] den zarten Hals,
aus Blumen [.... ] gemacht,
und mit viel [.. ]. Salböl,
kostbarem, k[öniglich]em,
salbtest du dich, und [...
und ein Lager [...
zartes, bei [...
stilltest du das Verlangen [...
und weder ein [...
Heiligtum noch [... /... /...
Τεθνάκην δ᾽ ἀδόλως θέλω·
ἄ με ψισδομένα κατελίμπανεν
πόλλα καὶ τόδ᾽ ἔειπ[έ μοι·]
»ὤιμ᾽ ὠς δεῖνα πεπ[όνθα]μεν,
Ψάπφ᾽, ἦ μάν σ᾽ ἀέκοισ᾽ ἀπυλιμπάνω.«
τὰν δ᾽ ἔγω τάδ᾽ ἀμειβόμαν·
»χαίροισ᾽ ἔρχεο κἄμεθεν
μέμναισ᾽, οἶσθα γὰρ ὤς σε πεδήπομεν.
αἰ δὲ μή, ἀλλά σ᾽ ἔγ[ω] θέλω
ὄμναισαι, [σὺ δὲ] λ[ά]θεαι
ὄσσα [.... ] καὶ κάλ᾽ ἐπάσχομεν.
π[όλλοις γὰρ στεφά]νοις ἴων
καὶ βρ[όδων... ]κίων τ᾽ ὔμοι
καὶ π[.... ] πὰρ ἔμοι περεθήκαο,
καὶ π[όλλαις ὐπο]θύμιδας
πλέκ[ταις ἀμφ᾽] ἀπάλαι δέραι
ἀνθέων [.... ] πεποημέναις,
καὶ πόλλωι [.. ]. μύρωι
βρενθείωι β[ασιληί]ωι
ἐξαλε[ί]ψαο καὶ [...
καὶ στρώμν[αν...
ἀπάλαν πὰρ [...
ἐξίης πόθε[...
κωὔτε τις [...
ἶρον οὐδ᾽ ὐ[... /... (per OCR nicht wiederherstellbar) /... (per OCR nicht wiederherstellbar)
... /... /...
Gongyla. [... (Rest der Zeile verloren)
war da ein Zeichen. [...
allen am meisten. [... /.. kam herein(?). [...
Ich sagte: „O Herr,. [...
] denn nein — bei der Seligen — [...
] nichts freut mich....... [...
und ein Verlangen zu sterben [...
] aus Lotos... taufrische. [...
]... [... /... /...
... (per OCR nicht wiederherstellbar) /... (per OCR nicht wiederherstellbar) /... (per OCR nicht wiederherstellbar)
ΓΟΓΓΥΛΑ. [... (Zeilenrest durch OCR verloren)
ΗΤΙΣΑΜ᾽ΕΘΕ[...
ΠΑΙΣΙΜΑΛΙΣΤΑ. [...
ΜΑΣΓ. ΙΣΗΛΘΕ. [...
ΕΙΠΟΝΩΔΕΣΠΟΤΕ. [...
]ΥΜΑΓΑΡΜΑΚΑΙΡΑΝ[...
]ΥΔΕΝΑΔΟΜ....... [...
ΚΑΤΘΑΝΗΝΔ᾽ΙΜΕΡΟΣΤΙΣ[...
]ΛΩΤΙΝΟΙΣΔΡΟΣΟΕΝΤΑ. [...
]ΟΙΣ. ΔΗΝΑ. Ο[... /... (per OCR nicht wiederherstellbar) /... (per OCR nicht wiederherstellbar)
]... Sard[es..
[... o]ft den Sinn hierher wendend —
wie wir einst lebten;. [.... ]. sie hielt
dich einer Göttin gleich, weithin
bekannt, und freute sich am meisten an deinem Gesang.
Nun aber leuchtet sie unter den Frauen
Lydiens hervor, wie wenn die Sonne
gesunken ist, der rosenfingrige Mond
alle Sterne überstrahlt; das Licht reicht
über das salzige Meer
und die vielblumigen Fluren gleichermaßen.
Und schön ist der Tau ausgegossen, es blühen
die Rosen und der zarte Kerbel
und der blütenreiche Steinklee.
Oft aber wandert sie ruhelos umher, der sanften
Atthis gedenkend, und vor Sehnsucht
wird ihr das zarte Herz, gewiss, von Gram verzehrt.
Und laut ruft sie uns, dorthin zu kommen — und was wir
nicht fassen(?), die Nacht, die vielohrige, [.. ]
kündet(?) [.... ] das Meer.
]... σαρδ. [..
[... πόλ]λακι τυίδε [ν]ῶν ἔχοισα
ὠς ποτ᾽ ἐ[ζ]ώομεν· β[.... ]. ἔχεν
σε θέας ἰκέλαν Ἀρι-
γνώτα, σᾶι δὲ μάλιστ᾽ ἔχαιρε μόλπαι.
νῦν δὲ Λύδαισιν ἐνπρέπεται γυναί-
κεσσιν ὤς ποτ᾽ ἀελίω
δύντος ἀ βροδοδάκτυλος σελάννα,
πάντα περρέχοισ᾽ ἄστρα, φάος δ᾽ ἐπι-
σχει θάλασσαν ἐπ᾽ ἀλμύραν
ἴσως καὶ πολυανθέμοις ἀρούραις.
ἀ δ᾽ ἐέρσα κάλα κέχυται, τεθά-
λαισι δὲ βρόδα κἄπαλ᾽ ἄν-
θρυσκα καὶ μελίλωτος ἀνθεμώδης.
πόλλα δὲ ζαφοίταισ᾽ ἀγάνας ἐπι-
μνάσθεισ᾽ Ἄτθιδος, ἰμέρωι
λέπταν ποι φρένα κῆρ ἄσα βόρηται.
κήθυι δ᾽ ἔλθην ἄμμε ὄξυ βόα, τὰ δ᾽ οὐ
νῶντ᾽ ἄ[γ]γελα νύξ [.. ] πολύως
γαρύε[ι.... ] ἄλος
Und hüllte sie ringsum gut in weiches, flaumiges Tuch.
Ἀμφὶ δ᾽ ἄβροις λασίοις εὖ ϝε πύκασσεν.

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