Gedicht · 594 BC · Mytilene

Das Brüdergedicht und das Kypris-Gedicht

ᾎσμα ἀδελφῶν καὶ ᾆσμα Κύπριδος

Vorbemerkung

Im Januar 2014 wuchs das Korpus der Sappho mit einem Schlag um mehr Zeilen, als es in fast einem Jahrhundert gewonnen hatte: Auf einem Papyrus römischer Zeit, heute P.Sapph.Obbink genannt, fanden sich fünf ganze Strophen eines Gedichts und der zerschlagene Kopf eines zweiten, nebeneinander in einer einzigen Kolumne. Das ganze Gedicht ist das Brüdergedicht — die erste nahezu vollständige Sappho, die seit den großen Papyrusfunden des frühen zwanzigsten Jahrhunderts ans Licht gekommen ist, und das einzige erhaltene Gedicht, in dem sie ihre Familie beim Namen nennt. Antike Leser kannten diese Brüder gut. Schon Herodot, anderthalb Jahrhunderte nach Sappho, berichtet, ihr Bruder Charaxos habe Wein nach Ägypten verschifft, dort die Hetäre Rhodopis für ruinöses Geld freigekauft und sei dafür von seiner Schwester in einem Gedicht verspottet worden; Athenaios fügt hinzu, der junge Larichos habe im Rathaus von Mytilene den Wein eingeschenkt, eine Ehre für Söhne aus gutem Hause. Hier endlich steht das Gedicht hinter dem Klatsch. Jemand — eine Mutter? das eigene rastlose Ich der Dichterin? — schwatzt immerzu, Charaxos werde mit vollem Schiff heimkommen. Sapphos Antwort ist von liturgischer Ruhe: Das zu wissen ist Sache des Zeus und aller Götter; meine Sache ist es, geschickt zu werden und zu Königin Hera um die sichere Heimkehr des Schiffes zu beten; alles andere gebt den Mächten droben anheim, denn heiterer Himmel kommt geschwind aus großen Stürmen — und wenn nur Larichos das Haupt höbe und endlich ein Mann würde, wie schnell wären wir alle entlastet. Sorge um Geld, um das Meer und um einen jüngeren Bruder, der nicht in die Gänge kommt: Kein Gedicht von ihr ist häuslicher, und keines gelassener gebaut — die Sorge steigt Strophe um Strophe in Sprichwort und Gebet hinauf. Daneben steht das Kypris-Gedicht, eine zerrissene Gebetsklage an Aphrodite, die sich mit den lange als Fragment 26 gezählten Fetzen vereinigt: Wie könnte einer nicht immer wieder am Herzen krank sein, wen immer man wirklich liebt? Das alte Zitat, das mit dieser Nummer reiste — „denen ich Gutes tue, gerade die kränken mich am allermeisten“ — schärft dieselbe Wunde von einer anderen Seite. Eine Warnung gehört offen ausgesprochen: Anders als jeder andere Text dieses Buches, von namentlich bekannten Ausgräbern aus dem Sand geholt, tauchte dieser Papyrus auf dem Antiquitätenmarkt auf, und seine moderne Geschichte ist umstritten. Der Streit betrifft den Gegenstand und seine Besitzer, nicht die Verse; aber eben deshalb sind diese beiden Gedichte als bloße Transkription gedruckt — die Buchstaben, die der Papyrus trägt, die Verluste markiert, und keine moderne Mutmaßung stillschweigend eingefüllt.

... doch du schwatzt immerzu, dass Charaxos kommt
mit vollem Schiff. Das, denke ich, wissen Zeus
und alle Götter zusammen; du aber sollst
darüber nicht grübeln,
sondern mich schicken und mich heißen,
wieder und wieder zur Königin Hera zu flehen,
dass Charaxos hierher gelange und sein Schiff
heil nach Hause bringe
und uns wohlbehalten finde. Alles andere
lass uns den Göttern überlassen:
denn heiterer Himmel kommt geschwind
aus großen Stürmen.
Denen der König des Olymp einen Geist
als Helfer aus den Mühen nun
zuwenden will, die werden selig
und reich an allem;
und wir — wenn Larichos das Haupt erhöbe
und endlich einmal ein Mann würde —
wie schnell wären wir von so viel Schwermut
befreit.
ἀλλ᾽ ἄϊ θρύλησθα Χάραξον ἔλθην
νᾶϊ σὺν πλήαι. τὰ μὲν οἴομαι Ζεῦς
οἶδε σύμπαντές τε θέοι· σὲ δ᾽ οὐ χρῆ
ταῦτα νόησθαι,
ἀλλὰ καὶ πέμπην ἔμε καὶ κέλεσθαι
πόλλα λίσσεσθαι βασίληαν Ἤραν
ἐξίκεσθαι τυίδε σάαν ἄγοντα
νᾶα Χάραξον
κἄμμ᾽ ἐπεύρην ἀρτέμεας. τὰ δ᾽ ἄλλα
πάντα δαιμόνεσσιν ἐπιτρόπωμεν·
εὔδιαι γὰρ ἐκ μεγάλαν ἀήταν
αἶψα πέλονται.
τῶν κε βόλληται βασίλευς Ὀλύμπω
δαίμον᾽ ἐκ πόνων ἐπάρωγον ἤδη
περτρόπην, κῆνοι μάκαρες πέλονται
καὶ πολύολβοι·
κἄμμες, αἴ κε τὰν κεφάλαν ἀέρρη
Λάριχος καὶ δή ποτ᾽ ἄνηρ γένηται,
καὶ μάλ᾽ ἐκ πόλλαν βαρυθυμίαν κεν
αἶψα λύθειμεν.
Wie könnte einer nicht wieder und wieder am Herzen krank sein,
Kypris, Herrin, wen immer man wirklich lieb[t
] und möchte am liebsten zurückruf[en
].. du hältst
] mich mit Beben umsonst zu zerreiß[
] der die Knie gelöst hat.. – [ /... ].. [.. ].. nicht. [... ].. [
]... [. ]..
]... [.. ] dich — ich will [ /... ] zu leid[en
]..., und ich — an mir selbst
weiß ich dies.
]. [. ]... [.... ].
].. [
]. [. ]. [
Denn denen ich Gutes tue,
gerade die kränken mich am allermeisten —
πῶς κε δή τις οὐ θαμέως ἄσαιτο,
Κύπρι, δέσποιν᾽, ὄττινα δὴ φιλ[
] θέλοι μάλιστα πάλιν κάλ[
]ον ἔχησθα
] σάλοισι μ᾽ ἀλεμάτως δαΐσδ[
]ῳ λύσαντι γόν᾽ ωμε – [ /... ]. α. α.. [.. ] αιμ᾽ οὐ προ[... ]. ερησ[
]νεερ. [. ] αι
]... [.. ] σέ θέλω [ /... ]το πάθη[
]ι. αν, ἔγω δ᾽ ἐμ᾽ αὔτᾳ
τοῦτο σύνοιδα
]. [. ]. τοις [.... ].
]εναμ[
]. [. ]. [
Ὄττινας γὰρ
εὖ θέω κῆνοί με μάλιστα σίννον-

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Das Brüdergedicht und das Kypris-Gedicht

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